Atmosphäre

Auf dieser Seite kannst Du dich in all die Schönheiten verlieben, die vom Grund des Emmer Sees emporgestiegen sind.

Andi Winter, Andreas Kiener – Emmen am See 2080

Emmen am See 2080

«Nächster Halt: Emmen am See», sagte das Hologramm. Es irritierte ihn noch immer, dass Swiss Transports keine realen Menschen mehr als Zugbegleiter in der Schwebebahn mitführte. Aber so war es nun mal, der Fortschritt hatte auch sein Gutes. In zwei Minuten war man von Luzerns Mega-City aus hier. 

Er stieg aus und spazierte, so schnell es eben noch ging, zur Brücke, die den Bach überspannte, der vom See her kam. Dort blieb er einen Moment stehen und schaute dem fliessenden Gewässer und den Algen darin zu. Nicht lange und er sah die langen grünen Haare der Seenymphen, hörte ihr Flüstern und Zischeln. Als Kind hatte er nur sie gesehen. Dann kam der Ernst des Lebens und er sah sie nicht mehr, nur noch die Wasserpflanzen, die er als Biologe mit Namen kannte. Jetzt im Alter hatte er ihre Namen vergessen, dafür sah er die Wassergeister und -wesen wieder. Wie lieb sie ihm waren, die Nixen und Undinen mit ihren glitzernden Leibern und golden funkelnden Diademen. Sie führten ihn zurück in seine Kindheit, und schon bald wohl auch …

Vorne am See hatte es noch mehr Seeweiber, auch ein paar Wassermänner. Ein gutes Zeichen, sie lebten nur in sauberen Seen. Aber heute war er nicht ihretwegen da, die Schwäne waren in der Mauser. Er hoffte auf ein paar ihrer wunderschönen Schwungfedern.

Durch das dichte Wäldchen begab er sich ein wenig zu eilig zum Emmensee. Zum Glück war sein Bänkchen frei. Er setzte sich und holte Luft. Dann hielt er Ausschau nach den Schwänen. Ah, da! Keine zwanzig Meter von ihm entfernt schwammen zwei, neben ihnen ein paar Federn, die die Strömung langsam zu ihm hintrieb. Er zog das Brot aus der Tasche. 

Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein kleiner Junge vor ihm.

«Gibst du mir ein Stück?», fragte der Kleine und schielte ihn von unten an.

«Das ist für die Schwäne, es ist viel zu hart; ich will ihnen etwas geben für ihre Federn.»

«Ist das Brot alt?»

Der Junge musterte ihn neugierig. 

Der alte Mann nickte.

«Bist du auch alt?»

Wieder nickte er.

«Sehr, sehr alt.»

«Wie alt?»

«So alt, dass ich noch weiss, dass hier früher kein See war.»

«Kein See?», der Knirps schüttelte ungläubig den Kopf und verdrehte die Augen. 

«Kasper! …», hörte der Alte plötzlich eine Stimme rufen. 

«Hier bin ich!»

Eine junge Frau schwebte auf einem Hooverboard heran.

«Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht weglaufen darfst!»

So, sinnierte der alte Mann, gewisse Dinge bleiben sich doch gleich.

«Der komische Mann da sagt, hier war früher kein See.» 

Das Kind deutete mit dem Finger auf den Alten. Entschuldigend wandte sich die Mutter an den Greis: «Davon habe ich noch nie gehört, ist das wahr?»

«Doch, doch, hier war früher ein Flugfeld. Tiger starteten und landeten, aber das ist mehr als fünfzig Jahre her.»

Der Junge breitete die Arme aus, machte mit dem Mund ein brummendes Motorengeräusch und rannte zum See hinunter.

«Mama, schau, da hat es Schwanenfedern.»

Oh, nein, dachte der Alte, jetzt ist er mir zuvorgekommen. 

Der Kleine tapste ins Wasser und sammelte die Federn ein. Dann ging er zum Alten und gab sie ihm, bis auf zwei.

«Hier, die sind für dich.»

Der alte Mann schaute ihn erstaunt an.

«Oh, danke, das ist sehr nett von dir.»

Die Frau hob ihren Sohn hoch und stellte sich mit ihm auf das Hooverboard. Dann schwebten sie davon. 

Der Alte hörte noch, wie das Kind zu seiner Mutter sagte: «Wirklich ein komischer Mann, Mama. Tiger können gar nicht fliegen!» 

Der Greis lächelte. Das stimmte wohl. Schöne Federn hatte ihm der Junge geschenkt.

Zu Hause malte Kasper eine kleine Schachtel an, seine Mutter half ihm, die Schwanenfedern auf beiden Seiten hineinzustecken. «Brumm, brumm …», machte der Kleine und rannte den ganzen Abend damit im Garten herum, bis er des Spiels überdrüssig war.

Müde dachte er im Bett wieder an den sehr, sehr alten Mann. Vielleicht war da früher doch ein Flugfeld. Wenn man daraus einen See machen konnte, liess sich daraus auch wieder ein Flugplatz machen. Er würde morgen Mama fragen, oder, nein, er würde es einfach machen, wenn er gross war. So gross wie Mama.

Text: André David Winter, Hitzkirch, 8. Juli 2020

Illustration: Andreas Kiener

Zlotan – Ämmehedesee

Zlotan ist Tonkünstler.
Neben Keramik gestaltet Zlotan Gitarrenklänge, Modularsynthesizer-Tonkunst und Music-Concrete-Bandkassetten-Klanglandschaften.
Zlotan ist auch eine Hälfte von Fenchel und Gitarrist bei Melanzani.
Zlotan ist ein Vogel.
Weiterführende Links:
Zlotan:

Spotify

Fenchel:
Bandcamp

Melanzani:
Bandcamp

Mallacy – Emmensee

Mallacy ist ein Indie Rock Songschreiber und Produzent aus Luzern, Schweiz. Mit klassischen und elektronischen Instrumenten formt er eine eigene Klangwelt, irgendwo zwischen Indie, Classic Rock und Pop. Unverkennbar sind immer die Wurzeln von Mallacy: Als Gitarrist der Blues Rock Band The Konincks tourte er mehrmals durch ganz Europa. 2021 veröffentlicht Mallacy mit dem österreichischen Sänger Thomas Penninger sein Debüt-Album MELANCHOLYA.

Inspiriert vom Projekt «Emmen am See» hat Mallacy den Song «Emmensee» veröffentlicht. Ein Lied von Sehnsucht, Schicksal und Liebe.

Hier sind alle Plattformen, wo man den Song streamen kann:
https://song.link/s/3EUhrXuKRSBKdGR3YSWo9o

Landsteiner – Emmen am See

Landsteiner, die Band aus dem Roman Über Nacht von Beat Portmann, gibt es auch in Wirklichkeit. Das Trio besteht aus den Berufsmusikern Nik Mäder (Gesang) und David Bokel (Piano) und dem Violinisten und Schriftsteller Beat Portmann. Das Trio bezieht sich in seinem musikalischen Ausdruck auf die Tradition des deutschen Chansons.

«Von Vergänglichkeit und dem Teufel an der Wegscheide handeln die Lieder. Sie sind wehmütig, verwegen, aber von einer vom ironischen Unterton herrührenden Leichtigkeit getragen. Die luftig-leichten Melodien haben Ohrwurmpotenzial. Zwischen lebenshungrig und todessehnsüchtig pendeln die Figuren bei Beat Portmann und die Chansons von Landsteiner, versehen aber mit einer gehörigen Portion Schalk.» – Luzerner Zeitung